Netzkultur
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Netzkultur 8: Vom Wa(h)ren Charakter Der Kunst

++ Die Kultur hat in wesentlichen Bereichen aufgehört Gegenwelten aufzuspannen. Künstler stürzen sich unentfremdet in ihr Künstlerdasein und schlagen ihre Hütten direkt an den Ufern des Kapitalismus auf. Zwar überschwemmt der Strom das Delta, reisst die Häuser ein, trägt die Ernten fort, doch ist er auch fruchtbar, ist nicht nur Wasser, sondern auch Wein. Im Rotwein dieses Ruhms ersaufen ... Treibgut sein ... den Zufall forcieren ... Das ist schon was!

++ Früher gab es noch Asketen (manche mit einem Ohr weniger), die zwischen den Bergen und deren Menschen hausten. Glücklich Getriebene, mit der phänomenalen Fähigkeit, unsere Sinne aus der einen Welt zu lenken und nie gekannte Zusammenhänge und innere Wahrheiten für uns herzustellen. So wurde uns bewusst, dass es viele Welten gibt, die wir ENT-decken könnten. Das machte uns freier und toleranter.

++ Heute werden Ausstellungen in den modernen Tempeln des Geldes wie Sammelpunkte aus Cornflakepackungen eifrig an Biographien gepappt. Dichter lesen sich an plappernde Promis heran, Musiker unterwerfen sich Ritualen der Superstarsuche. Bis zum Sommer des Jahres kannte ich keinen Künstler mehr, der nicht irgendeinen Stiefel leckt. Und viele halten sich allein deshalb für Künstler, weil sie auf besonders originelle Weise lecken.

++ In der Galerie "Les Abattoirs" kann man ein Objekt von Marcel Duchamp bewundern, welches dieser 1959 zu einer von André Breton organisierten Ausstellung mit dem Titel EROS EROS ist dabei ein Akronym für l' E xposition inte R nati O nale du S urréalisme. An den Haaren herbei gezogen, meine ich. beisteuerte. Bei dem Objekt handelt es sich um eine aus Kautschukgummi geformte weibliche Brust mit einem handbemalten Nippel. Darunter befindet sich ein Schild mit der Aufschrift "Prière de toucher"Übersetzt: Bitte berühren, was zugleich der Titel des Werkes ist. Das ursprüngliche Kunstwerk war - in etwas abgeflachter Form - der Einband des Ausstellungskataloges. Also hatte Breton seine kleine Provokation auch schon selbst vervielfältigt. Wir können also davon ausgehen, dass er wollte, dass ganz viele Menschen das Werk sehen und das es auch tatsächlich ganz viele berühren, Anders gesprochen. Sein materiales Original war ihm wesentlich weniger wichtig, als die Idee, die in jeder Kopie erhalten bleibt.

++ Heute, nicht einmal fünfzig Jahre später, ist das Werk offenbar nur noch wert, was es wert ist. Es stirbt nun in den neuen heiligen Fluren der Kunst einen langsamen Tod. Daher hat man es mit einem Glasgehäuse versehen, gefüllt mit einem Schutzgas, damit das Gummi unter der UV-Strahlung unserer teilzerstörten Umwelt nicht zerfällt. Von Berühren kann keine Rede mehr sein. Der künstlerische Wert des Objektes wurde vollständig aufgehoben in seinem Marktwert.

++ Damit ist der ursprüngliche Gedanke des Werkes, damit ist all das, was der Künstler, ja was seine ganze Bewegung intendiert hatten zerstört. Mehr noch: Es ist teuflisch pervertiert! Warum? Zum einen hat erst jener gierig verbrauchende Umgang des Menschen mit seiner Welt dazu geführt, dass es überhaupt unter Glas musste und zum anderen kann man die Brust unter dem Glas ja noch sehen, der Wunsch sie zu berühren ist noch da, die Intensität der Aufforderung hat nichts eingebüßt. Darüberhinaus lässt sich der baldige Tod des materiellen Originals nicht verhindern (der Untergang der Idee vielleicht) . Damit wurde dieses Werk für mich DIE Selbstpersiflage, DIE Metapher für den Zustand der Kunst.

++ Erst heute, wo uns Zerstörung umgibt, wo niemand mehr mit gleichem Herzen und gleicher Traditionen erschafft, wird Vergangenes Schaffen werthaltig, selbst dann wenn es vergänglich konzipiert war und das ist pervers. Erst heute werden wir durch das Glas der späten Erkenntnis zum Voyeur unserer früheren Unschuld und das ist pervers. Erst heute erleben wir mehr Lust durch Schauen, als durch Schaffen und reduzieren uns so zu Objekten, ja wir glauben sogar, dass uns dieses Dulden das Recht gäbe, andere ebenfalls zu Objekten zu reduzieren und das ist echt pervers.

++ Die Kunst ist in den Kunstbetrieb und seine Wahrnehmung unterschiedslos aufgegangen. Ihre Aktion ist nicht mehr die Konstruktion und Kreation, es ist heute die Dekonstruktion und die Zerstörung und das sogar im doppelten Sinne (s.o.). Kunst ist Voyeurismus, Eitelkeit, Zerissenheit, Grenzsucht, manchmal bestenfalls noch Therapie.

++ Im März 2005 sah ich im Centre Pompidou eine Ausstellung früher Werke von Miro. Nach einiger Zeit verfolgte mich der bis in die totale Abstraktion getriebene Schnurrbartmoustache = masculin = moi = miro auf einem Großteil der Bilder. Es ist nicht der Künstler, der das Schaffensprinzip beherrscht, vielmehr beherrscht es ihn. Kunst als Therapie des kranken Ego in einer kranken Welt, doch ohne Hoffnung auf Gesundung. Auch pervers.

++ Aber selbst diese Entdeckung wird unter den Vorzeichen des teuren musealen Charakters in der wogenden Menge Kunstbeflissener zu Schaulust und Eitelkeit. Da sind keine Engel neben uns, nur Fremde. Unsere Erkenntnis bezichtigt sie automatisch der Dummheit. Nur Kinder, Geisteskranke und Besoffene sehen die farbigen Hüllen und manchmal noch den Akt. Die anderen sehen ein neues Spiegelbild ihres albernen, aufgeblasenen Ego.

++ Das paart sich gut. Hier die Schaulustigen, da die Schausteller der Kunst. Billiges wird nicht gebilligt. Teueres wird weiter verteuert und was uns teuer ist, was man also mit Geld nicht erwerben kann, das wird unerreichbar. Viele, die kein Geld haben, geben es auf an Freude unter den Menschen und Freundschaften für sich zu denken, bevor sie ihn gefasst haben. Noch perverser!

++ Die Kunst ist DIE Attitüde des intelektuellen Lebens. Intelektuelle, das sind Leute, die Kunst (ver)rauchen lassen wie einen Joint. Der Rausch bewahrt sie vor dem (Frei-)Tod und der Beziehungslosigkeit. Leute, die ständig unentschlossen hin und her schwanken zwischen der Ergriffenheit vor ihrer eigenen Brillianz und einer wehmütigen Weinerlichkeit aus Mangel an Anerkennung derselben. Das gilt selbst für viele, die den SPIEGEL, das Kreuzworträtsel in der Zeit, Wolfram Siebecks Ergüsse, Gabriele Henkels Parties, u.v.m. schon längst hinter sich gelassen haben.

++ Intelektuelle bringen nichts. Sie beklagen sich, aber sie sind keine Partisanen, sie fassen keine Waffen an und wollen in nichts Endgültiges verwickelt werden. Klar sagen Intelektuelle mal:"Scheisse", aber unter öffentlichem Druck nehmen sie das gern zurück, um es im stillen Kämmerlein noch einmal umso lauter zu wiederholen. Ihre schmierige "political correctness" ist eine Inszenierung, an die sie zuletzt sogar selber glauben.

++ Aber diese Leute beherrschen den Kunstbetrieb. Und so ist daher die Kunst, die wirkt. Sie klagt nicht an, sie beklagt sich. Sie ist kein Partisan und sie ist keine Waffe. Dort wo sie innen, wo sie unter der Haut liegen könnte, wird sie nicht wahrgenommen. Und dort wo sie wahrgenommen wird, wurde das Innerste nur platt nach außen gestülpt, die Haut liegt bloß. Körperwelten ohne Seelenwelten.

++ Oh ja, es gibt Verweise, viele Verweise, viele Marginalien, mittlerweile auch gehypertextet, gebloggt und zig-fach kommentiert und sie versickern in der Banalität von fünfhundert Fernsehkanälen. Man kann also sagen: Die Kunst die wirkt, die wirkt gar nicht. Die wirkliche Kunst in diesem Doppelsinn ist verschwunden! Und auch das ist pervers.

++ Wenn ich höre, dass Dokumenta-Künstler irakische Kollegen besuchen und gemeinsam mit ihnen Gedichte verfassen oder Bilder malen, muss ich kotzen und das ist dann das einzige, was ich noch entäussern kann. "Was ist schlecht daran?", höre ich sie fragen.

Ein Jucken spür' ich leis' verstohlen.
Das Böse kommt auf leisen Sohlen.Aus "MacBeth", 1606 von William Shakespeare, geb. 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon, gestorben, 23. April 1616 ebenda

++ Der Krieg war Fakt bevor er kam, so wie JEDE Not und Sprachlosigkeit. Diejenigen, die ohne Stimme sind, das sind diejenigen, die ohne mediale Beachtung leben. Und der Irak wird beachtet. Die Mächtigen haben gehandelt. Die Kunst hetzt hinterher und übt moderne Formen der Betroffenheit. Geht dahin, wo Elend entsteht. Das ist überall und das ist in den Köpfen. Also geht in die Köpfe! Aber vorher, nicht hinterher!

++ Museen und Galerien, das sind die Tempel dieses Voyeurismus geworden. Für mich besteht ein Unterschied, ob man sich im Museum in Dürers Symbolismus hineindenkt oder ob man durch Ansehen der Geschwüre der Welt in anklagende, multimediale Installationen verpackt seinen Voyeurismus befriedigt. Der Raum des Museums sollte dabei auf angenehme Weise ++wenig++ zur Sache tun. Er kann Ruhe und Kontemplation bieten, er kann unterstützen. Die Fassade an und für sich kann es jedoch gewiss nicht, schon gar nicht in der konkreten Situation des Betrachtens.

++ Die Kunst (der Kunstbetrieb) befasst sich jedoch in so ungeheurer Weise mit sich selbst. Sie behauptet dabei standhaft, anders sei es gar nicht mehr möglich, sie stehe schliesslich auf den Schultern eines Riesen (und genießt dabei den privilegierten Blick und onaniert frei in den Wind). Sie hat nicht nur einige (mehrere, solide, tiefgründige, VER-rückte) Rückbezüge, was - ob gekonnt oder nicht - nicht zu vermeiden wäre, nein sie ist eine einziger Rückbezug geworden. So eine Kunst muss schon in der Fassade auf sich verweisen. Mehr noch, die Fassade muss unbedingt selber Kunst sein, denn nur wo aussen sozusagen Kunst drauf steht, kann nach diesem Verständnis auch innen Kunst drin sein.

++ Bilbaos Guggenheim. Ein Meilenstein eitler Stadtentwicklung. Eine Superkampagne. Würde unheimlich gut zu einer Branche passen, in der die künstlerische Leitung bezeichnenderweise dem ART Director untersteht. (Ich denke gerade über eine Art Eiffelturm hier in Gelsenkirchen nach, der natürlich auch das Original an Kühnheit übertreffen müsste. Das wäre genau das richtige, um einer Stadt mit 17,8% Arbeitslosen weltweite Beachtung zu verschaffen.) Alles pervers!

 

++ Doch im Sommer fasste ich neue Hoffnung. Unsere französische Freundin Véronique erzählte von ihrer Theatertruppe. Sie machen eine stark personenbezogenes Spontantheater um eine Rahmenhandlung herum, die sich ein total ausgeflippter Stückeschreiber ausdenkt.

++ Das Personen ohne besondere Ausbildung, ohne Herkunft und vor allem ohne jede besondere Ambition seltsam anrührende Kunst machen und damit sogar eine gewisse Aufmerksamkeit erregen, das hat gerade in Frankreich einige Tradition. In Deutschland ist dagegen jeder nicht kanonisierte Künstler, der zudem auch gar nicht kanonisiert werden möchte einfach nur ein Spinner.

++ Was macht also diese Theatertruppe? Zunächst einmal denkt sich jeder eine Figur aus, die einerseits zu ihm, andererseits aber auch irgendwie zum Stück passen muss. Das Ensemble entschied sich für Märchenfiguren. Véro trat sowohl als böse Hexe, wie auch als blancheneige Schneewittchen auf. Im Stück war sie aber auch eine alte Mutter und verschiedene andere Personen. Das hat weniger den Vorteil von besonderer konstruktiver Kniffligkeit zu sein, als vielmehr den Vorteil, saukomisch zu sein.

++ Die Stücke sind inhaltlich absolut verzwickt, wahnsinnig tiefgründig und voller Anspielungen auf 2000 Jahre Kulturgeschichte inklusive der neuesten französischen Politskandale und Unterhaltungsshowbanalitäten. So läuft das Spontantheater stets darauf hinaus, dass die Menschen in dem kleinen, kaum 50 Personen fassenden Theaterraum am Ende der Vorstellung immer mort du rire Nous etions mort du rire = Wir haben uns totgelachtsind.

++ Wenn ein Schauspieler seinen Text vergisst, dann wird z.B. ersatzweise der letzte Abschnitt noch einmal wiederholt, diesmal aber nur auf dem Vokal "u", so wie in "Dru Chunusen mut dum Kuntrubus." Es kann aber auch sein, dass er ins Publikum springt, sich eine alte Zeitung geben lässt und daraus brüsk, laut und quatschig deklamiert, bis er den Bezug wiedergefunden hat. Die Schauspieler glühen vor Begeisterung und Spielfreude. Sie können nichts wirklich falsch machen und sie bringen so ihre Persönlichkeit vollkommen ein. Jede Vorstellung ist einmalig und viele Leute kommen immer wieder. Das Theater ist immer ausverkauft.

++ Und dann geschieht etwas seltsames. Die Tiefgründigkeit, so erhaben und poetisch sie sein mag, sintert durch den Mergel des Verstandes einfach hinab auf einen Grund. Eine kindliche Leichtigkeit, ein verlorenes einfaches Gefühl ergreift Besitz. Der Grund auf dem man ankommt, das ist der Grund, weshalb man lebt. Man lebt sein Leben, weil es da ist! Ein Narr, wer etwas anderes denkt! Und deshalb lachen wir, bis uns die Puste ausgeht und das Zwerchfell schmerzt.

++ Diese Atmosphäre würde auf der Stelle zerstört, wenn die kanonische Kunst eingreifen würde. Sie tastet ab, wo jene hineingreift, sie seziert, wo jene verbindet, sie verfremdet, wo jene vereint, sie professionalisiert, wo jene bloss erlebt und sie stellt aus, wo jene den Grund erfährt.

++ Ich habe Véro gebeichtet, dass ich nur wenig vom Text verstanden hatte und nur einen winzigen Bruchteil der Anspielungen. "Macht nichts", lachte sie mich verschmitzt an, "die anderen auch nicht."

 

++ Mit Computern oder mit dem Internet scheint die obige Geschichte erst mal gar nichts zu tun zu haben. Dennoch ist sofort einleuchtend, dass das Internet momentan mit Abstand das demokratischste Instrument der Verbreitung von Kunst ist.

++ Das Geschäftsmodell der Musikindustrie bricht augenblicklich zusammen, wenn Künstler aus eigener Hand Verfahren des Vertriebs von Musik entwickeln, die ihren Verdienst auch direkt in ihre Taschen leitet. Daher ist das Internet allen, die bei Noten mehr an Banknoten, als an Partituren denken ein Dorn im Auge.

++ Doch auch die Literatur und die Fotografie könnten alsbald von derselben Welle erfasst werden. Ein Buch kann heute schon mit relativ moderatem finanziellen Einsatz als geschütztes E-Book herausgebracht werden und Bildsammlungen professioneller Fotografen mit passwortgeschütztem Zugang oder mit Wasser-Zeichensignaturen gibt es schon lange.

++ Ist es nicht sogar so, dass dieser Prozess der Digitalisierung und Virtualisierung gar nicht mehr aufzuhalten ist und sei es am Ende auch wieder nur, um Kosten, z.B. für die Distribution zu senken?

++ Die Essenz von Kunst lässt sich nicht digitalisieren oder virtualisieren, ebenso wenig wie das Leben selbst. Aber die Distribution von Kunst und Informationen über Kunst werden sich als Gegenbewegung zum etablierten Kunstbetrieb stärker ins Internet verlagern. Dann wird das, was technisch schon vernetzt ist, endlich auch geistig vernetzt. Dann entsteht echte Netzkultur!

++ Wenn sie mich fragen: Gut, wenn man dann die Technologie dazu versteht.

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